rgt4 100 Jahre – Transkript

(nur leicht korrigiert, kann Fehler enthalten, nicht zitierfähig, …)


Wissenschaftliche Gesellschaftstheorie gibt es live zu sehen und zu hören am Dienstag, den 9. Juni 2026, um 16:00 Uhr. Radio Gesellschaftstheorie sendet den Eröffnungstag einer Konferenz zur Theorie von Niklas Luhmann.

Hallo, Cześć, hello, und herzlich willkommen im Radio Gesellschaftstheorie, dem Podcast mit Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme. Mein Name ist Achim Brosziewski.

Seit Januar diesen Jahres wurden bislang erst drei  Episoden ausgestrahlt, und schon bringt Radio Gesellschaftstheorie eine Nachricht in eigener Sache? Das kann ja heiter werden mit der Selbstbezüglichkeit dieses Podcasts. Sei’s drum: Ein Radio wie das unsrige hat teil an Kommunikation und Gesellschaft, damit gehört es auch zu jenen sozialen Systemen, von denen zu reden und zu hören sein soll.

In wenigen Wochen, gerechnet von jetzt, April 2026, an, wird Radio Gesellschaftstheorie erstmals live auf Sendung gehen, sogar als Internetfernsehen mit Ton und Bild. Den Sender und die Sendung findet ihr auf meiner Website radio-gesellschaftstheorie.org, der hörbare Teil des Streams wird später auch als Podcast online gehen.

Was gibt es zu sehen und zu hören? Den Eröffnungstag einer Konferenz mit Einführungen und Hauptreferat sowie, wenn die audiotechnischen Abstimmungen bis dahin gelingen, sogar mit einem Klavierkonzert. Schaut und hört doch einmal hinein, wenn ihr Zeit und Lust dazu habt, Dienstag, 9. Juni 2026, ab 16:00 Uhr. Ich nehme einmal an, so zwei bis maximal drei  Stunden lang. Ein Trailer ist bereits jetzt auf der Sendungsseite zu sehen.

Die Konferenz ist betitelt mit „Luhmann 100: Zur Gegenwart eines Theorieprogramms“, konzipiert und organisiert von Dirk Baecker und Maren Lehmann. Über vier Tage verteilt und in zwei Stränge unterteilt, diskutieren an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen rund 70 Redner und Rednerinnen darüber, was aktuell geblieben ist, was aktualisiert worden ist und was noch künftig Aktualität beanspruchen kann von theoretischen Impulsen und theoretischen Maßgaben eines Autors, der vor rund 30 Jahren verstorben ist.

Im Jahr 2027 würde Niklas Luhmann 100 Jahre alt werden. Die Tagung „Luhmann 100“ soll eine oder sogar mehrere Publikationen zu diesem Anlass vorbereiten. Sie wird nicht das einzige Unternehmen dieser Art sein, bereits das Wenige, was ich gehört habe, lässt, an akademisch-publizistischen Maßstäben gemessen, ein wahres „Luhmann-Jahr“ erwarten. Sagt selbst: Ist das allein nicht schon eine Nachricht aus der Welt sozialer Systeme wert? Wenn diese Bewegung nächstes Jahr an der Oberfläche der allgemeinen Öffentlichkeit erscheinen wird, werden wir schon ein Jahr lang von ihrem Kommen gehört haben. Podcasting als Frühwarnsystem, sozusagen.

Sollte ich es bei diesem Hinweis bewenden lassen oder lieber doch ein wenig mehr ankündigen, etwas genauer werden? Ehrlich gesagt, ich bin nicht sicher. Doch wie ihr der Zeitleiste dieses Podcasts ansehen werdet, konnte ich es nicht lassen, die Kurznachricht ein wenig länger auszubreiten. Betrachtet man das Tagungsprogramm, es ist auf der Webseite des Lehrstuhls für Soziologische Theorie der Zeppelin Universität Friedrichshafen zu finden, ist völlig klar: Wir haben es mit einer klassisch-akademischen Veranstaltung zu tun, von primärem Interesse höchstens für jene Disziplinen, die sich aus welchen Gründen auch immer für soziologische Theorie oder sogar für eine Theorie der modernen Gesellschaft interessieren. Da gibt es manches drunter, was mich persönlich beschäftigt, sozusagen aus akademisch-biografischer Betroffenheit heraus. Aber was ich EUCH hier zu hören gebe, soll – so meine Hoffnung – ja nicht rein wissenschaftlich interessant und relevant sein. Wie bringe ich beides, mein Eigeninteresse und mein Podcast-Interesse, unter einen Hut?

Vielleicht so: „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ – so titelte das letzte große Buch, 1164 Seiten stark, das Niklas Luhmann zu Lebzeiten anfertigen und publiziert sehen konnte. Letzteres geschah im Jahr 1997. Der merkwürdige Titel „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ signalisiert ein Grundtheorem von Luhmanns Schaffen: Die Gesellschaft ist ein System, das sich selbst beobachtet, und zwar folgenreich selbst beobachtet. Und die soziologische Gesellschaftstheorie muss dieser Tatsache gerecht werden können, wenn sie dem Gegenstand Gesellschaft gerecht werden will.

Die eigene Theorie der Gesellschaft muss sich nicht nur in der Wissenschaft, sie muss sich auch in den vielen Öffentlichkeiten der Gesellschaft bewähren können. Für die Soziologie hieß und heißt das: Gesellschaftstheorie ist kein typisches Forschungsprojekt, das mit der Terminierung eines Projektendes abgeschlossen werden könnte, sei es erfolgreich oder missglückt. Gesellschaftstheorie ist eine Daueraufgabe. Wissenschaftstreiben in diesem Feld gleicht dem Schicksal von Sisyphos. Das war jener tragische Held eines griechischen Mythos, der, von den Göttern dazu verdammt, immer denselben Stein, immer denselben Berg hinaufrollen musste, nur um, oben angelangt, seinen Stein entgleiten und an den Fuß des Berges zurückrollen zu sehen.

Albert Camus, der französische Literat und Philosoph des Absurden, meinte: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Vielleicht können wir hier, als Sprecherinnen und Hörerinnen unseres Radios, uns mit zu den Glücklichen zählen? Denn schließlich: An Gesellschaftstheorie als Daueraufgabe in der Selbstbeobachtung der Gesellschaft haben wir zweifelsohne selber teil.“

Ich weiß zwar nicht, was sonst noch alles so kommen wird bis zum und im Luhmann-Jahr 2027. Ins Ungewisse hinein prognostiziere ich eine besondere Signatur der angekündigten Tagung in Friedrichshafen, vielleicht mutig, vielleicht leichtsinnig. Mit Sicherheit wird diese Konferenz Luhmanns Wunsch respektieren, ihn und seine Werke nicht als Klassiker der Soziologie zu verehren und in einer Ahnengalerie abzustellen. Schon von ihrem Ankündigungstext her hat sich die Konferenz stattdessen der Theoriearbeit selbst verpflichtet.

Ich zitiere aus dem Einladungstext, den Dirk Baecker und Maren Lehmann verfasst haben. Zitat: „Niklas Luhmann hat eine Theorie der funktional differenzierten modernen Gesellschaft entworfen, die enge Berührung hielt mit einer Theorie der Interaktion unter Anwesenden, einer Theorie organisierten Entscheidens und einer Theorie der Protestbewegungen. Die Grundlagen seiner Theorie sind eine Theorie sozialer Systeme, eine Theorie der Kommunikation, eine Theorie der Evolution und eine Theorie der Differenzierung, die zu keinem Zeitpunkt aus den Augen verlieren, dass die Gesellschaft in der Gesellschaft von sich selbst anders beobachtet und beschrieben wird als von der Soziologie. Die Soziologie ist daher immer auch aufgerufen, ihren besonderen Beobachtungsstandpunkt in der Gesellschaft zu reflektieren und in ihrer Gesellschaftstheorie zu berücksichtigen, dass es in der Gesellschaft eine wissenschaftliche Disziplin gibt, die darauf spezialisiert ist, die Gesellschaft zu beobachten und zu beschreiben.“ Zitat Ende.

In diesen Worten erscheint neben der Klassikverweigerung schon ein zweites Merkmal, das meiner Einschätzung nach eine Besonderheit der Friedrichshafener Publikationen im Luhmann-Jahr hervorbringen wird.

Gern würde man Gesellschaftstheorie wohl wie aus einem Guss wahrnehmen, abgeleitet aus einem einzigen Begriff und einer einzigen Logik, z. B. aus einer Systemlogik heraus.

Luhmanns Theorieprogramm unter „Systemtheorie“ zu verbuchen ist zwar nicht falsch, aber doch stark verkürzend. Und irreführend dann, wenn man vom Theorem der Systemdifferenzierung allein eine triftige Gesellschaftstheorie erwarten würde.

Schon lange zuvor angekündigt, machte die Schrift „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ vollends klar: Ohne eine Kommunikationstheorie und ohne eine Evolutionstheorie ist eine hinreichend tiefenscharfe Beschreibung der Gesellschaft nicht zu haben.

Wie man die drei Stränge Systemtheorie, Kommunikationstheorie, Evolutionstheorie zusammenbringt, dafür gab und gibt es keine endgültige Lösung. Man wird es auf immer neuen Wegen versuchen müssen und schauen, was dabei herauskommt.

Wenn der Titel unserer heutigen Episode von „30 Jahre Theorie“ spricht, dann meint er, dass die Friedrichshafener Tagung unter anderem auch zeigen wird, was seit Luhmanns Tod von seinen theoretischen Anlagen und Ableitungen her aktualisiert, modifiziert und fortgeschrieben wurde, selbstverständlich weitaus heterogener als im Referenzwerk eines Einzelwissenschaftlers. Das kann gar nicht anders sein, wenn sich die Arbeit auf so viele Autorinnen und Autoren und über mehrere Generationen verteilt.

In Friedrichshafen wird sich ein Themenstrang stark mit der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft beschäftigen, also mit der Differenzierung nach Kunst, Liebe, Wissenschaft, Wirtschaft, Recht und Politik und anderem mehr.

Parallel dazu wird über die „Medien der Kommunikation“ verhandelt, auch über deren Verhältnisse zu Technik, Natur und Kultur.

Fragen der Evolution, also des Aufbaus und des Abbaus von sozialen Strukturmustern, stellen sich verstreut über beide Beitragsstränge und ganz zuvörderst im Eröffnungsreferat von Rudolf Stichweh, der fragen wird: Kann die Systemtheorie historische Verläufe und Transitionen erklären? Und wenn ja, wie tut sie das?

Nun ist die Tagungsankündigung vielleicht doch sehr akademisch geraten. Ganz ohne wissenschaftliche Selbstbeschau kommt eine Theorie, die von Selbstbeobachtung der Gesellschaft sprechen und an ihr teilnehmen will, halt nicht aus.

Vielleicht hilft als kleiner Ausgleich, wenn ich ein paar Vortragsthemen nenne, die in meiner Erwartungshaltung näher dran sind an Fragen, die auch in den aktuellen Öffentlichkeiten verhandelt werden. Sollte Euch etwas davon besonders ansprechen, funkt mir doch über meine E-Mail-Adresse podcast@radiogethe.org Bescheid. Dann versuche ich, meine eigene Tagungsteilnahme so einzurichten, dass ich den Vortrag anhören und von ihm berichten könnte. Eventuell sogar mit O-Tönen des oder der jeweiligen Referentin. Hier wäre meine ungeordnete Liste, die vollständige könntet ihr auf der Tagungsseite der Zeppelin Universität nachschauen.

Luhmanns blinder Fleck: Das visuelle Kommunikationsmedium Fotografie.

Widerspruch und Konflikt in ökologischer Kommunikation.

Entscheiden und unverantwortlich beobachten: zur Funktion der Öffentlichkeit.

Luthers Schatten: Die Ethifizierung des Digitalen und die nächste Gesellschaft.

Semantiken der Selbststeuerung.

War Luhmann ein Moralskeptiker? Dazu ein ähnliches Vortragsthema namens „Die Moralisierung der Moral“.

Die Realität der Sozialen Medien.

Rechte der Natur als Verfassungsinnovation.

Popularität zweiter Ordnung als Erfolgsmedium.

Die Bedeutung der griechisch-römischen Antike in und für Niklas Luhmanns Systemtheorie.

Und letztlich: Die Funktion der Belohnung.

Damit schließe ich meine Zufallsauswahl. Mehr und Genaueres dann noch mit den Namen der Redner und Rednerinnen ist auf der Tagungswebseite einzusehen.

Ich glaube, ein Gesetz massenmedial öffentlicher Kommunikation besagt, dass man seine Botschaft oft genug wiederholen muss, wenn sie gehört und erinnert werden soll, dem gehorche ich zum heutigen Abschluss wenigstens ansatzweise. Wissenschaftliche Gesellschaftstheorie gibt es live zu sehen und zu hören am Dienstag, den 9. Juni 2026, auf der Webseite von radio-gesellschaftstheorie.org. In Kooperation mit und gesendet aus der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am schönen Bodensee.

Wenn ihr mehr und anderes von dieser Konferenz oder ihren Themen hören wollt, meldet euch bei mir, auch würde ich mich freuen, wenn ihr auf der Webseite von RadioGeThe nach den bisherigen Podcastfolgen schaut, Euch für meinen Newsletter anmeldet oder vielleicht sogar eine Unterstützung des Radios Gesellschaftstheorie in Form einer Mitgliedschaft in Erwägung zieht. Damit verabschieden sich für heute die Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme, ausgestrahlt von Radio Gesellschaftstheorie.