rgt3 Selbstreferenz auf dem Sofa und on the move

Star der heutigen Episode wird ein Sitzmöbel sein. Thematisch spannt sich unser Bogen vom Begriff der Selbstreferenz über die Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts bis in die heutige Kultur der Selbstdarstellung hinein.

(🎼 Hier fehlt noch die Aufnahme selbst. Sie erhält gerade ihren letzten Schliff im Tonstudio der Lee-Brothers.)

Hier geht es zum Transkript, vorgelesen in verschiedenen Sprachen /
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Shownotes

Loriot

Bers, Anna/Hillebrandt, Claudia (2023): Loriot und die Bundesrepublik. Berlin: De Gruyter.

  • Eine breit streuende Loriot-Forschung zum soziohistorischen Kontext „alte Bundesrepublik“. Für die im Podcast hervorgehobenen Aspekte besonders einschlägig ist der Beitrag von Stefan Neumann: Risse in Loriots heiler Welt? – Loriots Zeichnungen aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren im Spiegel der Kritik von Wolfgang Hildesheimer, S. 163–184.

Rainer Stollmann, Rezension zu Bers, Anna; Hillebrandt, Claudia (Hrsg.): Loriot und die Bundesrepublik, Berlin 2023, in: H-Soz-Kult, 03.11.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-141877

  • Erkennt eine Verwandtschaft Loriots mit Till Eulenspiegel und zur „Tradition des Grotesken“ (Absatz 2).

Sofa

https://styylish.com/sofa-history

https://www.apartmenttherapy.com/a-brief-history-of-the-living-room-sofa-37060246

Linke, Angelika (2012): Körperkonfigurationen: Die Sitzgruppe. Zur Kulturgeschichte des Verhältnisses von Gespräch, Körpern und Raum vom 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte 3, H. 1, S. 185-214.

  • Die zum Gespräch einladende Gruppierung von Sofa, Sesseln und Stühlen um einen Tisch herum entwickelte sich erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vor solchen „Sitzgruppen“ war für das Gespräch ein gemeinsames Hin- und Herwandeln im Raum gedacht.

Zum „berühmtesten aller Sofas“:

Brody, Hugh/Brearley, Michael (2003): Filming psychoanalysis: feature or documentary? Two contributions. In: Sabbadini, Andrea (Hrsg.): The Couch and the Silver Screen. Psychoanalytic Reflections on European Cinema. Hover and New York: Brunner-Routledge, S. 232-245; darin auf S. 233 aus einer Beschreibung des Films „Nineteen Nineteen“ (Hugh Brody, 1985):

  • „Sophie makes a decision. She will go to Vienna, to find this man.They are the two survivors of the most famous of all couches; they must share their memories of Freud, of analysis, of being alive.“

Selbstreferenz

Luhmann, Niklas (1993/1981): Selbstreferenz und Teleologie in gesellschaftstheoretischer Perspektive. In Ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Band 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 9-44.

  • Der Beitrag entstammt Luhmanns Kritik an der Theorie zweckrationalen Handelns als Grundlage einer Gesellschaftstheorie und seinem Versuch, an ihrer Stelle Sinn und Selbstreferenz als Grundbegriffe der Soziologie zu etablieren.

Luhmann, Niklas (2008): Sinn, Selbstreferenz und soziokulturelle Evolution. In Ders.: Ideenevolution. Beiträge zur Wissenssoziologie. Hrsg. v. André Kieserling. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7-71.

  • Zeigt deutlich auf, dass die Analyse selbstbezüglichen Geschehens keineswegs auf „Mikrosoziologie“ festlegt. Allein aus diesem Aufsatz lässt sich beispielsweise ein tiefes Verständnis des Schicksals von Normen in der modernen Gesellschaft gewinnen.

Fuchs, Peter (2010): Das System SELBST: Eine Studie zur Frage: Wer liebt wen, wenn jemand sagt: »Ich liebe Dich!«? Weilerswist: Velbrück.

  • Aus dem Klappentext: „Das SELBST ist — summarisch formuliert — ein soziales Phänomen, dessen Individualisierung oder Singularisierung durch ‚Einkörperung‘ gewonnen wird. Insofern ist die großartige Bibelformulierung ‚Und das Wort ist Fleisch geworden …‘ (wenn man metaphysische Instanzen und Pläne für einen Moment suspendiert) in gewisser Weise paradigmatisch.“

Tratschin, Luca (2016): Protest und Selbstbeschreibung. Selbstbezüglichkeit und Umweltverhältnisse sozialer Bewegungen. Bielefeld: transcript.

  • Gesellschaftliche Selbstreferenz in einem Feld, das sich zuweilen als Gegenpol zur Gesellschaft beschreibt.

Junge, Kay (1993): Medien als Selbstreferenzunterbrecher. In: Baecker, Dirk (Hrsg.): Kalkül der Form. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 112-151.

  • Ein ebenso wichtiger wie unterschätzter Text, der ein ganz anderes Licht auf „die Medien“ wirft, als es „die Medien“ selber tun. Hauptthese: Ohne Medien kämen Selbstreferenz und mit ihr Fremdreferenz, Sinn, Welt und Wirklichkeit gar nicht zustande. Denknotwendig mitgemeint sind hier — anders als „in den Medien“ — die Medien Licht, Luft, Elektromagnetik, Sprache, Schrift, Druck sowie Erfolgsmedien wie Wahrheit, Liebe, Recht, Macht, Geld, Kunst und Lebenslauf.

Brosziewski, Achim (2023): Lebenslauf, Medien, Lernen. Skizzen einer systemtheoretischen Bildungssoziologie. Weinheim: Beltz Juventa, https://www.beltz.de/fachmedien/soziologie/produkte/details/50517-lebenslauf-medien-lernen.html (Open Access), darin der Abschnitt „Das Selbst ‚um 1700‘“  (S. 22–29)

  • „‚Um 1700‘ explodieren die intellektuellen Bemühungen um Figuren der Selbstbezüglichkeit. Man erkennt dies schon an der Vielfalt der Worte im Begriffsfeld: Selbstliebe, Selbstsucht, Egoismus, Eigenliebe, Eigennutz, Selbstwertschätzung (self-esteem), subjektives Recht, Selbsthass, Selbstdarstellung, Eitelkeit, Selbsttätigkeit, Selbstachtung, Selbsttäuschung … Was in die moderne Semantik des Selbstbezugs eingeht … ist die Unmöglichkeit, den Selbstbezug einheitlich zu bewerten. … Die Form, in der dies geschieht, ist die Form der Spaltung oder der Zwei-Teilung, die auf Fragen vom Typ ‚Gut-oder-Böse‘ ein ‚Sowohl-als-auch‘ produziert“ (S. 25).

Barresi, John/Martin, Raymond (2011): History as Prologue. Western Theories of the Self. In: Gallagher, Shaun (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Self. New York: Oxford University Press, S. 33-56.

  • Zeichnen gründlich die philosophisch-wissenschaftliche Geschichte des modernen Selbst als Ersatz für die Seele nach.

Kashima, Yoshihisa/Foddy, Margaret/Platow, Michael J. (Hrsg.) (2002): Self and Identity. Personal, Social, and Symbolic. Lawrence Erlbaum: Mawah, NJ. Mawah, NJ: Lawrence Erlbaum.

  • Ein typisches Zeugnis für die Verquickung von Selbst, Psyche, Personalität, Individualität und Identität quer durch alle Disziplinen hindurch. Dabei kommt die Soziologie nur als Hilfswissenschaft der Sozialpsychologie zu Wort (im Beitrag von Lynn Smith-Lovin, Roles, Identities, and Emotions: Parallel Processing and the Production of Mixed Emotions, S. 125–143).

Foucault, Michel (1989): Sexualität und Wahrheit. Dritter Band: Die Sorge um sich. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

  • Unumgängliche Referenz zur Sozialphilosophie des Selbst.

Heehs, Peter (2013): Writing the Self. Diaries, Memoirs, and the History of the Self. New York: Bloomsbury.

  • Das ICH lernt sprechen — im Medium der Schrift.

Jajdelska, Elspeth (2019): The Self in the History of Distributed Cognition: A View from the History of Reading. In: Anderson, Miranda/Rousseau, George/Wheeler, Michael (Hrsg.): Distributed Cognition in Enlightenment and Romantic Culture. Edinburgh: Edinburgh University Press, S. 156-169.

  • Im Tagebuch-Schreiben des 18. Jahrhunderts übt sich die Artikulation unter (fiktiv) Gleichrangigen, während Interaktionen noch das subalterne Verhalten gegenüber höheren Schichten verlangen. Die Normen des Schreibens und die Normen des Sprechens trennen sich und erzeugen ein inkongruentes Gedächtnis mit steigenden Anforderungen an die Selbst-Konsistenz und Selbst-Kontinuität.

Paratexte (Selbstreferenz in Fernkommunikation)

Genette, Gérard (2001): Paratexte: Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

  • Ein Meilenstein der Literaturwissenschaft, vielfach rezipiert und selber schön zu lesen.

Baecker, Dirk (2004): Hilfe, ich bin ein Text! In Ders.: Wozu Soziologie? Berlin: Kadmos, S. 31-42.

  • Eine kommunikationstheoretische Wendung des Paratext-Begriffs mit der These: Paratexte stellen die Beziehungen zur aussertextuellen Wirklichkeit her. Schlussfolgerung: „Man liest, weil man zu der Welt, die die Paratexte beschreiben, keine Alternative kennt. Die Information, die man beim Weiterlesen aus den Texten gewinnt, beschreibt und bestätigt die Schwellen, die die eigene Welt organisieren.“ (S. 42)

Kreimeier, Klaus/Stanitzek, Georg (Hrsg.) (2014): Paratexte in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin/Boston: De Gruyter.

  • Fernkommunikation wird auch in ihren audiovisuellen Varianten prinzipiell durch Paratexte organisiert. Unter dieser These versammeln sich in dem Band diverse Beiträge zu verschiedenen Medien und ihren Querbezügen.

Smartphones

Huber, Hannah (2025): Memoria, Migration und mediale Praxis. Smartphone und Handy in der Gegenwartsliteratur. Bielefeld: transcript.

  • Studiert anhand dreier Romane, wie sich das Smartphone als Identitätsobjekt („Gegenüber“) erzählen lässt. Analog zur Postkartenkommunikation lebt die erzählerische Produktivität des Selfies von der Unentschiedenheit, ob seine Botschaft im Bild, bei der Absender:in oder bei der Adressat:in zu suchen ist (S. 62).

Selfies

„The Original King of Selfies“: https://www.warhol.org/andy-warhol-selfies/

https://blog.sciencemuseumgroup.org.uk/the-whole-picture-selfies-before-selfie

Assmann, Jan (1991): Stein und Zeit. Mensch und Gesellschaft im alten Ägypten. München: Fink.

  • Bauten als steinerne Selfies für die Ewigkeit.

Keysers, Verena (2018): Die Genealogie des Duckface. Zur kommunikativen Konstruktion mediatisierter Wirklichkeit. In: Reichertz, Jo/Bettmann, Richard (Hrsg.): Kommunikation – Medien – Konstruktion. Braucht die Mediatisierungsforschung den Kommunikativen Konstruktivismus? Wiesbaden: SpringerVS, S. 141-169.

  • Untersucht ein spezielles Zeugnis schräger Proportionen. Abschnitt 4.4 (S. 155–157) zeigt, dass und wie die Prominenz (Pabst, Regierungschef:innen, Stars, …) „Die absolute Etablierung der permanenten Selbstthematisierung“ in Form des Selfies popularisierte. Fussnote 17 dokumentiert die Oxford Dictionary Definition des Selfie: ”a photograph that one has taken of oneself, typically one taken with a smartphone or webcam and shared via social media“.

Ahmad, Mansoor (2020): The Sociology of Selfies. In: International Journal of Creative Research Thoughts 8, H. 7, S. 211-231.

  • Faktensammlung nach soziologischen Kategorien. Tragisch: „Death by Selfies“ (S. 222–223) und andere gesundheitliche Konsequenzen (Abschnitt 6). Systemgenerierend: Selfies bilden zusammen mit Stories zentrale Elemente von „identity hashtag movements“ (S. 223–224).

Im Podcast erwähnte Literatur

Habermas, Jürgen (1988): Theorie des kommunikativen Handelns. Zwei Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

  • Darin die Zitate: „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt. Sie beginnen also nicht mit einem erkenntnistheoretischen Zweifel.“ (S. 30) und „Unsere These, daß es Systeme gibt, kann jetzt enger gefaßt werden: Es gibt selbstreferentielle Systeme. Das heißt zunächst nur in einem ganz allgemeinen Sinne: Es gibt Systeme mit der Fähigkeit, Beziehungen zu sich selbst herzustellen und diese Beziehungen zu differenzieren gegen Beziehungen zu ihrer Umwelt.“ (S. 31)