rgt3 Sofa – Transkript

(nur leicht korrigiert, kann Fehler enthalten, nicht zitierfähig, …)


1984 publizierte Niklas Luhmann einen Satz, der zum größten Aufreger der soziologischen Theoriedebatte wurde. Was war so provokant an jenem Satz aus vier Worten? Es gibt selbstreferenzielle Systeme.


Hallo, Cześć, hello und herzlich willkommen im Radio Gesellschaftstheorie, dem Podcast mit Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme. Mein Name ist Achim Brosziewski. Ich würde mich freuen, wenn das, was gleich zu hören ist, Lust macht, einmal auf der Webseite radio-gesellschaftstheorie.org oder radiogt.org vorbeizuschauen.


Star der heutigen Episode wird ein Sitzmöbel sein. Thematisch spannt sich unser Bogen vom Begriff der Selbstreferenz über die Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts bis in die heutige Kultur der Selbstdarstellung hinein. Beginnen wir mit dem Sofa.

1976, also vor rund 50 Jahren, erschien die erste Folge einer kleinen Sendereihe im Fernsehen,

mit dem schlichten Titel „Loriot“. Es dauerte nicht lang, und die Sendung und ihr Urheber galten als Inbegriff des deutschen Fernsehhumors.

Als das Fernsehen Loriots hundersten Geburtstag feierte,

mit vielen Wiederholungen und prominenten biographischen Kommentaren — wir schreiben das Jahr 2023 — hiess es unter anderem, Loriot habe uns auf unvergleichliche Art und Weise „den Spiegel vorgehalten“.

Wie hat Loriot alias Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow , das vollbracht? Und wer sind „wir“, die wir uns in seinem Spiegel zu sehen bekamen?

Loriot war kein Comedian im heutigen Sinne. Er veralberte niemanden und suchte den Witz nicht in Schlagfertigkeit. Loriot war Humorist, wie es vor ihm vielleicht Wilhelm Busch oder Karl Valentin und Liesl Karstadt gewesen waren. Manche sehen gar einen modernen Till Eulenspiegel in ihm.

Loriots ursprüngliches und eigentliches Werkzeug war der spitze Stift des Zeichners und Cartoonisten. Loriot ist der französische Name für einen Singvogel, der im Deutschen „Pirol“ genannt wird. Mit dem Namen dieses pfiffigen Wappentiers seiner Familie signierte Vicco von Bülow seine Comic-Strips, die von Menschen und Hunden handelten, komponiert zu Szenen, die das Verhalten beider Arten zueinander und untereinander überzeichnet und verkehrt wiedergaben.

Schmeichelhaft waren Loriots Zeichnungen und Motive selten, eher scharf und bissig. Die Premiere auf der nationalen Pressebühne, beim Wochenmagazin „Der Stern“, wurde nach nur sieben Streifen abgebrochen. Der Herausgeber des Stern, Henri Nannen, gab damit einem Shit-Storm seiner Leserinnen und Leser nach. Es bedurfte des Asyls durch einen Schweizer Verlag, Diogenes in Zürich, um der Cartoon-Sammlung mit dem Titel „Auf den Hund gekommen“ deutschsprachige Präsenz zu verschaffen. Mit dem Erfolg dieser Ausgabe im Rücken durfte Loriot wieder im Stern publizieren.

Wie gezeichnet kommen auch Loriots Fernsehsketche daher: kein Detail zuviel, keines zuwenig, im Bild, im Verhalten und in der Sprache. Die Pointen sitzen. Die Biopics aus dem Jahr 2023 erzählen von der Pedanterie Loriots im Arrangement und in der Inszenierung seiner Sketche. In einer der bekanntesten Episoden, „Das Bild hängt schief“, nimmt Loriot diese seine Eigenheit selbst aufs Korn.

Doch Loriot wäre nicht der Loriot geworden, den wir heute erinnern, ohne die Schauspielerin Evelyn Hamann. Ihr Mienenspiel und ihre Intonationen erst hauchten den ausgeklügelten Szenen und Figuren Leib und Leben ein. Loriot und Hamann spielten nicht nur jahrzehntelang zusammen. Sie moderierten auch gemeinsam. Ikonisch für die Loriot-Serie wurde das Sofa, von der Kamera aus er links, sie rechts sitzend, die Blicke zuschauerwärts, plaudernd zur kommenden Episode hinführend.

Spätestens jetzt wäre üblicherweise der Zeitpunkt gekommen, die ein oder andere Episode erzählerisch nachzuspielen, die Fernsehdeutschland in den 70er- und 80er-Jahren zum Lachen brachten, „Die Nudel“ zum Beispiel, oder „Weihnachten bei Hoppenstedts“.

Aber ich möchte lieber im Bild bleiben ……..  auf dem Sofa mit Loriot und Hamann, die eine Moderation als Dialog inszenieren.

Was nun folgt, ist die Denkbewegung, um die sich der ganze heutige Podcast rankt

Die Moderation bildet die markanteste Form der Selbstreferenz des Mediums Fernsehen. Bücher brauchen keine Moderation. Sie haben Buchdeckel mit Titel und Namen des Autors oder der Autorin, bei Sachbüchern auch Inhaltsverzeichnisse oder gar Register. Jedes dieser Elemente sagt dem Leser und der Leserin: Ich bin nur dafür da, das Buch für Dich aufzubereiten und lesbar zu machen. Gérard Genette nennt solche Elemente „Paratexte“. Die Nähe dieses Konzepts zum allgemeinen Phänomen der Selbstreferenz kommt in dem schönen Untertitel von Genettes Studie zum Ausdruck. Der Untertitel lautet: „Das Buch vom Beiwerk des Buches“.

Auch Filme bedürfen keiner Moderation. Sie haben Vorspann und Abspann und bekommen nur dann eine Anmoderation, wenn sie im Fernsehen oder in einer Kino-Sonderschau gezeigt werden. Zwischen dem Front- und dem Backcover eines Buches, zwischen dem Vorspann und dem Abspann eines Filmes müssen sich Buch respektive Film selbst organisieren, von Zeile zu Zeile, von Seite zu Seite, von Szene zu Szene und von Dialog zu Dialog.

Im Fernsehen hingegen reihen sich Bild-an-Bild, Ton-an-Ton ohne Unterlass, ohne eigentliche Anfänge und Enden. Wann beginnt etwas, wann endet etwas, wie kann das Eine auf andere folgen? Die Moderationen sind nicht lediglich Marker für Übergänge; sie müssen und können organisieren, was da ineinander übergeht. Sie sprechen immer beides zugleich an: die Zuschauer:innen und die Ton-Bild-Folgen, an denen die Moderation selbst teilhat und von denen sie ein Teil ist. Die Theorie selbstreferentieller Systeme kann sagen: Die Moderationen trennen und kombinieren die Selbstreferenz und die Fremdreferenz, die Mitteilung und die Information des Mediums Fernsehens. Oder in den Worten der Kognitionstheorie: Die Moderationen sind die Rahmen aller Rahmen, in denen das Fernsehen sich selbst und seine Welten zeigt.

Loriot und Hamann treiben nicht etwa allein die Selbstreferenz des Fernsehens auf die Spitze. Vielmehr führen sie die Einheit von Selbst- und Fremdreferenz des Fernsehens im Fernsehen auf. Sie moderieren die Sketche der Sendung als Sketch in der Sendung, mit denselben Mitteln und sogar mit den selben Darstellern wie alle anderen Sketche. Loriot und Hamann spielen Loriot und Hamann.

Ob man ihren Humor, der vielleicht der Humor der damaligen deutschen Fernsehwelt war, nun mag oder nicht — ich finde, man muss zugeben: ihre Performanz war genial.

Der Denkzwang Selbst

Ich hatte eine Denkbewegung angekündigt.

Aber habe ich tatsächlich mehr geboten, als Anekdotisches aus der Kulturindustrie? Ich will es behaupten — und nun auch begründen.

Mit Hilfe eines genialen Zeichners und einer kongenialen Schauspielerin und dank des Senders Radio Bremen, der uns all das hat Wirklichkeit werden lassen, konnten wir einen mächtigen Denkzwang einfach umspielen, überspielen und ausspielen.

Der Denkzwang, den ich meine, sagt:

Alles, was mit einem Selbst zu tun hat, müsse bezogen werden auf jene Einheit, die „Ich“ sagen kann und auf Rückfragen hin von sich selbst erzählen und berichten kann.

In der Welt dieses Dogmas soll das Selbst gekettet sein und gekettet bleiben an Subjektivität, Individualität, Identität und Personalität. Vielleicht auch gekettet an das Bewusstsein. Doch in diesem Punkt sind sich die Geister uneins. Manche neigen mehr zum Unbewussten oder zum Unterbewusstsein.

Selbstreferenz auf dem Sofa: Hätten wir für dieses Thema nicht mit Sigmund Freud einsteigen müssen, dessen Psychoanalyse-Sofa bis heute in der Berggasse 19 im IX. Wiener Bezirk zu besichtigen ist? Und das in vielen psychoanalytisch angehauchten Filmen als Inbegriff der Selbstergründung gilt?

Jedenfalls wird das Selbst normalerweise als ein Refugium der Psychologie betrachtet, sofern sich die Wissenschaft überhaupt zutraut, vom Selbst zu reden — was eher die Ausnahme als die Regel ist.

Mit Loriot und Hamann als humoristisch-grotesker Folie haben wir es geschafft, Selbstreferenz von einer völlig anderen Seite anzugehen. Natürlich könnte man fragen: Wer waren Loriot und Hamann wirklich? Und: Hat damals wirklich jemand gelacht, und wenn ja, dank welcher psychisch verankerter Entfremdungen von seinem wahren Ich? Aber um zu sehen, zu begreifen und zu verstehen, was sich auf dem Sofa im Fernsehen vor den vielen Sofas vor ebenso vielen Fernsehgeräten deutscher Wohnzimmer abgespielt hat, haben wir weder solche Fragen noch irgendwelche mutmassenden Antworten auf sie gebraucht. Uns haben Hinweise auf Cartoons, Sketche und die Funktion der Moderation im  Fernsehen völlig ausgereicht.

Allein schon von der Selbstreferenz des Fernsehens zu reden und es dann noch auf Sofas und in Wohnzimmern zu suchen, wird dem vorhin genannten Dogma der traditionellen Selbst-Betrachtung wie ein Sakrileg anmuten.

Der psychologische Reduktionismus von Selbst und Selbstreferenz hat viel zu tun mit der Geschichte der Philosophie und ihrer Ablösung von der Theologie. Denken wir uns einmal kurz ins 17. und 18. Jahrhundert zurück. Das damalige Problem, dessenthalben das Selbst an die Person und ihre Psyche gekettet wurde, was das Problem der Moral. Mit der Suspendierung religiöser Fragen aus dem Reich wissenschaftlicher Erklärungen konnte die neu formierte Philosophie sich nicht zusätzlich auch noch von der Moral verabschieden.

Ganz im Gegenteil, schien sie gezwungen, moralische Fragen in ihr Denkgebäude integrieren zu müssen. Ein typisches Produkt jener Zeit ist „The Theory of Moral Sentiments“, Die Theorie moralischer Gefühle, erschienen 1759. Der Autor dieser Theorie heisst Adam Smith, der heutzutage eher für sein zweites Werk bekannt ist, für „The Wealth of Nations“, „Der Wohlstand der Nationen“.

Adam Smith war nur einer von vielen Autoren, die zu jener Zeit versuchten, die Frage von Gut und Böse im wissenschaftlichen Weltbild unterzubringen.

Jedoch: Je mehr auf die Grundlagen von Ethik und Moral reflektiert wurde, umso mehr lösten sich diese Grundlagen auf.

Es gibt selbstreferentielle Systeme

1984, also mehr als 200 Jahre nach Adam Smith und der Hochkonjunktur der Moralphilosophie, publizierte Niklas Luhmann einen Satz, der zum grössten Aufreger der soziologischen Theoriedebatte avancierte, zumindest in der deutschsprachigen Soziologie. Der Satz lautet „Es gibt selbstreferentielle Systeme“, nachzulesen auf Seite 31 im Buch „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“, erschienen beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main. Nachwellen der damaligen Empörung schwappen hin und wieder auch durch heutige Referenzen auf den damaligen Luhmann und die aktuelle Systemtheorie.

Was war so provokant an jenem Satz aus vier Worten? Es gibt selbstreferentielle Systeme? Erkenntnistheoretische Geister stiessen sich an der Feststellung „Es gibt“. Man übte sich damals gerade in Konstruktivismus. Da konnte man sich nicht mit einem Satz abfinden, der wie eine Existenz-Aussage klingt. Die Vorwurfsbegriffe lauteten: „Ontologie“ oder „Reifikation“, Verdinglichung. Man hätte nur ein bisschen links oder rechts der Textstelle lesen müssen. Da heisst es: „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt“. Es handelt sich mithin um eine Arbeitshypothese, und nicht um eine Existenzaussage. Sie steht an einleitender Stelle des Werkes — und als ernsthafte Leserin wird man hier nur darauf hingewiesen, dass alles Folgende mit einer Annahme beginnt und man gemeinsam schauen kann, wie weit diese Annahme trägt, wenn man Aussagen über „das Soziale“ treffen möchte.

Literaturwissenschaftler:innen erkennen hier ein Verfahren, das jedes Buch anwenden muss. Ein Text, der als Text und nicht nur als Reihe von Sätzen gelesen werden will, schliesst einen „Pakt mit dem Leser“. „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus …“ macht das explizit. Die Offenlegung verlangt nicht, dass man die Annahme gleich in sein ganzes Leben oder auch nur in das Lesen und Schreiben anderer Texte übernehmen müsste. Man wird für ein paar Stunden der Lektüre an die Annahme gebunden, kann sie im Text erproben und bei Nicht-Gefallen getrost wieder zurückgeben. Oder effektiver noch: Gleich aufhören, weiterzulesen, weil man sich auf den Pakt gar nicht erst einlassen will.

Doch mit Erkenntnistheorie befassen sich nur wenige Soziolog:innen. Und die Diskussion um und über „Konstruktivismus“ ebbte bald schon wieder ab, nachdem sich alle wichtigen Ansätze dazu in einigen Sammelbänden geäussert hatten.

Skandalöser und nachhaltiger wirkt der Plural von „Systeme“ im Satz, „Es gibt selbstreferentielle Systeme“. Der Plural beseitigt das Privileg des Bewusstseins, intellektuell die einzige Instanz für Selbstreferenz sein zu dürfen. Nach solch einer Instanz aber wird gerufen, wenn man Rückfragen stellen, wenn man Verantwortung ermitteln und Rechtfertigung verlangen will. Man verlangt nach bewusstseinsförmiger Selbstreferenz nicht zuletzt, um die Suche nach einer Moral, die sich selbsteinsichtig begründen lässt, auch 200 oder 300 Jahre nach der Moralphilosophie fortsetzen zu können.

Die Pluralisierung von Selbstreferenz negiert weder das Bewusstsein noch die bewusstseinsförmigen Probleme der Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung. Die Pluralisierung setzt das Bewusstsein nur neben andersartige Formen von Selbstreferenz. Da ist zunächst die Selbstreferenz des biologisch beschreibbaren Lebens, das sich zellförmig produziert und reproduziert. Das Leben kann nicht denken, kann sich also auch kein „Ich“ denken, das es befragen könnte, wenn Prozesse der Zellproduktion durch externe oder interne Einflüsse irritiert werden. Die Biochemie realisiert auf eigene Weise, wie ein Organismus zwischen sich selbst und allem anderen diskriminiert; zum Beispiel durch ein eigens zu diesem Zweck entwickeltes Immunsystem. Weder muss noch kann ein Organismus denken oder reden, um sich zu schützen.

In der Soziologie wirkte und wirkt immer noch verwerflich, Kommunikation für ein selbstreferentielles Geschehen zu halten, das in der Lage ist, Sozialsysteme zu bilden und zu reproduzieren. Welche Theorietradition mit diesem Vorschlag von 1984 gebrochen wurde, zeigte sich am deutlichsten an der Theorie des kommunikativen Handelns, die kurz zuvor, im Jahre 1981 veröffentlicht wurde. Für ihren Autor, Jürgen Habermas, blieben es die Motive und Absichten von Akteuren, die kommunikatives Handeln von strategischem Handeln unterscheiden. Und die Theorie zeigte sich klar entschieden, welche Motive zu bevorzugen und welche zu verurteilen waren. Nur an Verständigungsmotive konnten die strengen Massstäbe einer Diskursethik angelegt und dem Kreuzverhör der Fragen nach Legitimation unterzogen werden.

Die weniger philosophisch, sondern mehr empirisch arbeitende Soziologie stiess sich an der Tatsache, dass das Theorem selbstreferentieller Systeme auch vor den Differenzierungen der modernen Gesellschaft nicht halt machte. Nicht nur der Gesellschaft als Insgesamt aller Kommunikationen sollte Selbstreferenz zugestanden werden, sondern auch Interaktionen und Organisationen, vielleicht auch den Protestbewegungen. Und innerhalb der Gesellschaft seien Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst und andere Funktionssysteme nicht mehr nur kulturell oder strukturell unterscheidbar, sondern zudem anhand ihrer basalen Selbstreferenz.

So war im Jahr 1984 ein Kaleidoskop von kommunikativen Selbstreferenzen in der Soziologie erschienen, das bis heute nicht verkraftet ist und manche Beobachter veranlasst, die Falschheit der Theorie allein dadurch bewiesen zu sehen, dass sie die Theorie nicht verstehen könnten.

Glücklicherweise hat sich der Skandal um die soziologische Systemtheorie normalisiert. Mehr als 40 Jahre nach dem zitierten Satz haben genügend Menschen, die nicht Niklas Luhmann heissen, gezeigt, dass die Arbeitshypothese viele interessante Beschreibungen ermöglicht und sogar neue Einsichten in das Leben in der modernen Gesellschaft einträgt. Geblieben sind innerakademische Streitereien und Animositäten, wenn es um die Zuteilung von Forschungsressourcen und Lehrdeputaten an einzelne Ansätze und ihre Vertreterinnen und Vertreter geht.

Selbstreferenz „on the move“

Auf einem Sofa, das Fernsehgeschichte schrieb, haben wir den Gedanken der Selbstreferenz ein wenig herausgelöst aus seinen tiefgründigen Verstrickungen. Nun gilt das Fernsehen längst nicht mehr als „Leitmedium“ unserer Kultur, was immer solch ein Privileg hätte besagen sollen. Der allermodernste Mensch ist mit dem Internet und dem Handy, Mobile oder Smartphone aufgewachsen. Soweit man es überhaupt registrieren und nachvollziehen kann, kam im Jahr 2002 ein Wort in die Internetwelt, dass die Selbstreferenz schon im Namen trägt, wenngleich in sehr verniedlichender Weise. Ich spreche vom „Selfie“.

Kann es sein, dass der Begriff der Selbstreferenz die Gesellschaft selbst erreicht hat? Anders als beim Fernsehen muss man weder Prominenz noch ein vertrautes Sitzmöbel bemühen, um den Vorgang der Selbstbezüglichkeit zu charakterisieren. Mit dem Selfie und im Selfie zeigt sich jede und jeder — und zeigt an, welchen Spass, welche Freude oder auch welchen Ernst er, sie oder es am Leben hat;

egal an welchem Ort, er, sie oder es sich aufhält;

egal, ob sitzend, stehend, liegend, laufend, tanzend, kletternd, springend oder wirbelnd.

Etwa ein Jahrzehnt lang blieb der Ausdruck „Selfie“ nur eine Spezialkategorie in Fototausch-Börsen wie Flickr und anderen. Zwar gab es in den 2000-Nuller-Jahren bereits manche Handys mit einer Frontkamera. Aber sie waren nicht für Selfies, sondern für die Videotelefonie gedacht. Die Popularisierung des Selfies setzte ein mit dem ersten iPhone mit Frontkamara, dem iPhone 4 aus dem Jahr 2010. 2012 und 2013 stieg die Wortverwendung derart rasant in die Höhe, dass der Ausdruck „Selfie“ vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres 2013 erkoren wurde. Seither finden wir auch eine autoritative Definition des Selfies: Selfie „is a photograph taken of oneself, typically with a smartphone or webcam and uploaded to a social media website“.

Nun sind Eigenbilder und Selbstporträts historisch und kulturell gesehen keine neuen Phänomene. An der Frage, wie weit man die zeitlichen und sozialen Kreise zieht, welche Vorgängerformen des Selfies man vergleicheshalber zulässt oder weglässt, entscheidet sich meistens, wie die Selfie-Kultur des Internets und seiner Plattformen bewerten wird. Die Werthaltungen liegen entweder einseitig oder ausgewogen zwischen zwei Polen. Der eine Pol sieht im Selfie die technologisch beförderte Demokratisierung ehemals exklusiver Darstellungsprivilegien. Dem anderen Pol erscheint das Selfie als Degeneration der Kultur des individuellen Selbstausdrucks schlechthin.

Je nach Präferenz innerhalb dieses Duals wird man andere Figuren als Ahnen des Selfies gelten lassen. Bleibt man in der Fotographie, kämen Technik-Pioniere wie Robert Cornelius in Frage, der sich 1839 fünfzehn Minuten lang selbst belichtete; oder Künstler wie Andy Warhol mit seinen Eigen-Polaroids, die inzwischen etliche Millionen Dollar wert sind. Erlaubt man auch Vergleiche mit gezeichneten und gemalten Selbstporträts, gelangt man in die Sphären von Albrecht Dürer, Rembrandt und Vincent van Gogh.

Wer noch mehr Geschichte und noch mehr Kultur ins Spiel bringen will, zählt nicht nur die selbst gemachten, sondern auch die selbst veranlassten Porträts, also klassische Auftragsarbeiten zu den Selbstporträts. Das ist völlig legitim. Denn Auftragnehmer handeln ja nach Vorgaben des Auftraggebers. Also wird das Selbstporträt indirekt doch von jenem Selbst erstellt, von dem es handelt. Mit solch weitem Blick hat beispielsweise Jan Assmann uns sehr viel über die Selbstbildnisse im Alten Ägypten zu erzählen. Sie waren in Stein gehauen, dementsprechend aufwändig, raumgreifend, teuer — und in grossem Stil nur dem Pharao vorbehalten. Dafür konnte er sich und seine Untertanen der Idee hingeben, solche Selbstporträts hielten bis in alle Ewigkeit.

Wenn man sich so viel Zeit und Raum zur Verfügung stellt, gibt es bestimmt ungeheuer viel interessante Details zu entdecken. Folgen wir hingegen weiter dem Gedanken der Selbstreferenz, ergibt sich jedoch ein ganz anderer Abzweig. Ob dieser Weg ähnlich interessant ist oder ob er in einer Sackgasse landet, kann man nicht sagen, bevor man ihn nicht erkundet hat.

Etwas über Selbstbild und Fremdbild

Wenn wir das Selbstbild als einen Fall von Selbstreferenz begreifen, führt das zur Feststellung: Wie die allgemeine Selbstreferenz den Unterschied zur Fremdreferenz benötigt, um sein zu können, was sie ist, muss das Selbstbild den Unterschied zum Fremdbild vorweisen, um Selbstbild, um Selbstporträt sein zu können. In der Fotographie ist, mehr noch als in Zeichnung und Malerei, die Fremdreferenz einfach überwältigend. Der Fotograph richtet den Brennpunkt seiner Kamerakonstruktion auf Objekte und Räume aus. Durch Fotos ist inzwischen die ganze Welt in vielfacher Ausfertigung zu sehen. Die Selbstreferenz des Fotographierens macht sich dabei entweder als geschicktes Arrangieren von Objekten in Raum und Licht geltend; oder als geduldig-geschicktes Finden von Objekt-Licht-Raum-Figurationen, die die Welt dem kundigen Sucher wie von selbst aus hergibt. Im Vergleich zu den Weltfotos fallen jene Fotos, in denen Fotographen sich einrangieren in die erfundene oder gefundene Welt, quantitativ kaum ins Gewicht.

Mit dem Selfie kommt eine starke Beschränkung der Fremdreferenz ins Spiel. Fast müsste man schon von einer Behinderung sprechen. Der Brennpunkt darf maximal eine Armlänge vom Hauptobjekt, dem Körper des Fotographen entfernt liegen. Ausserdem verschwinden jene Finger, Hand- und Armteile, die den Apparat fixieren und den Mechanismus auslösen, systematisch aus dem Bildwinkel. Teile des Objekts des Selfies bleiben also systematisch unsichtbar für die Fotographie. Sie müssen imaginär ergänzt werden, halten aber genau damit den Akt des Fotographierens im Foto selbst fest. Ein Selfie zeigt und ist Action.

Der armlängenbeschränkt geringe Abstand zum Hauptobjekt trägt dem Selfie zudem seine notorischen Schwierigkeiten mit den Regeln wohl geordneter, schöner Proportionen ein, die uns die Zentralperspektiven-Malerei und viele späteren Dogmen des richtigen Zeichnens, Modellierens und Fotographierens gelehrt haben. Im Selfie sehen meistens alle etwas schräg aus — dem nur durch mehr Technik, etwas Geschick und vor allem durch Beschränkung zum Beispiel auf das Gesicht etwas abgeholfen werden kann. Wie immer diese Problematik im Einzel-, im Durchschnitts- und im Idealfall auch gelöst wird: Von ihr ausgehend bestimmt sich, was von der Welt im übrigen und wie die Welt im übrigen im Selfie erscheinen kann.

Was immer das Selfie von der Welt zeigt: Es zeigt den Körper des Fotographen zwar immer auch als Objekt — dadurch ist ein Selfie ja definiert —, gleichwohl niemals nur als Objekt. Ausgerechnet durch seine augenscheinlich werdenden Mängel — fehlende Gliedmasse und schräge Proportionen — erzeugt der Körper im Bild selbst eine Art Autogramm der Fotographie, für die es keine zusätzliche Unterschrift, ja, nicht einmal einen Namen oder irgendjemanden braucht, der laut „ICH“ rufen müsste.

Das alles kann dem Bild hinzugesetzt werden, als Etikett, als Beschilderung, im Kommentar — und zu derartigen Kommunikationen soll das Selfie nach allem, was man von ihm hört, tatsächlich auch aufrufen. Das Selbst des Selfie zeigt sich im Bild, wie es Anderes und Andere berührt und von wiederum Anderem und Anderen Abstand hält, auch, um den Kontaktschalter zum Betrachter hin, den Auslöser, berühren zu können.

Zur körperlichen Signatur des Selfies gehört nicht zuletzt der Blick, der entweder aus dem Foto herausweist, vielleicht auf den Betrachter blickt, vielleicht aber auch unerkennbar irgendwohin schaut. Führen wir uns zunächst die Unwahrscheinlichkeit vor Augen, dass es überhaupt zu solch einem Blick kommen kann. Normalerweise fungiert das Smartphone als Schaltzentrale, in die man hineinschaut, in der man herumwischt und herumklickt, um Telefonnummern zu finden, anzurufen, aufzulegen, Kurznachrichten zu schreiben, und Internet- oder App-Seiten durchzuscrollen. Wo bist Du? Wo bin ich? Wo sind die Anderen? Was kann ich wo und wann erreichen? Wie bin ich erreichbar? Und so weiter. Und so fort. Man blickt in das Smartphone hinein, um sich und alles andere in der Welt zu lokalisieren.

Und genau das ändert sich auch beim Selbst-Fotographieren nicht. Der Blick kontrolliert im Selfie  die eigene Erscheinung in jener Welt, in der man sich ansonsten orientiert und in der man alle anderen verschwinden sieht. Die Selbstkontrolle im Kameraausschnitt und für den Kameraausschnitt ist basal. Jede Kommunikationsleistung, die darüber hinausgeht, muss der Selbstkontrolle abgewonnen werden. Betrachtet man überhaupt noch etwas anderes als sich selbst? Schaut man gar die erhofften Betrachter:innen des Selbstbildes an? Wieviel Zuversicht, wieviel Schüchternheit gibt man seinem Bild von sich in der Welt mit? Wieviel Solidarität von Begleitpersonen vermag man einzufangen und mitzusenden?

Es ist nie verkehrt zu sagen, ein „Ich“ möchte sich ausdrücken. Doch sobald dies im Reiche eines Kommunikationsmediums geschieht, herrscht doppelte Kontingenz. Kein Blick kann für sich garantieren, dass er von zweiten, dritten und vierten Blicken so gesehen wird, wie er sich zeigen möchte. In diesem Punkt unterscheidet sich Selfie-Kommunikation nicht von anderer Kommunikation. Man kann demjenigen oder derjenigen, die sich mit einem Selfie ausdrücken möchte, nur viel Glück wünschen.

Im Selfie blickt man aus dem Smartphone heraus zu jemandem, der zur Selbst- und Fremdvergewisserung in sein Smartphone hineinschaut. Treffen sich die Blicke? Mal ja, mal nein — niemand wird diese Frage mit endgültiger Gewissheit beantworten können. Es ist die Frage, mit der Selfies gegen ihren augenscheinlichen Narzismus partizipieren an der Autopoiesis von Kommunikation und Gesellschaft.

Du hörtest Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme, ausgestrahlt vom Radio Gesellschaftstheorie. Wer an der Autopoiesis dieses Senders interessiert ist oder gar einen Beitrag leisten möchte, findet Anregungen dazu unter radio-gesellschaftstheorie.org oder http://radiogethe.org