rgt1 Sprache Transkript

zu „001 Vom Klang der Sprache“ (nur leicht korrigiert, kann Fehler enthalten, nicht zitierfähig, …)

Als Form mit zwei Seiten besteht Sprache in der Unterscheidung von Laut und Sinn. Wer diese Unterscheidung nicht handhaben kann, kann nicht sprechen.

Hallo, Cześć, Hello und herzlich willkommen zur Premiere von Radio Gesellschaftstheorie mit Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme. Mein Name ist Achim Brosziewski, ich bin ostpreußischer Herkunft und arbeite als Soziologe in der Schweiz, in Deutschland und besuchsweise auch in Österreich. Was erwartet uns im Radio Gesellschaftstheorie? Stellen wir uns die Titelseite einer überregionalen Zeitung vor. In einer ihrer Kopfzeilen finden sich Rubriken wie Politik, Wirtschaft, Finanzen, Feuilleton, Karriere, Sport, Gesellschaft, Stil, Lokales, Technik, Wissen und Reise.

Unser Radio überspannt ein ähnlich breites Themenspektrum. Nur werden meine Beiträge auf eine andere Art in die Tiefe gehen, als wir es vom Journalismus her kennen. Es wird kleine Formate geben wie Blitzlichter, mittlere Formate wie Essays, längere Formate wie Radiofeatures oder kleine Serien. Immer wird die Frage sein, wo und wie soziale Systeme mitwirken an dem, was die Nachrichten, die Unterhaltung und die Werbung tagtäglich und lebenslang uns als ihre Welt ausgeben. Als Neuling der Radioaktivität werde ich viel experimentieren. Schön wäre, dabei von der Geduld und der Resonanz meiner Hörerinnen und Hörer begleitet zu werden. Vielleicht gelingen auch dialogische Formen in Interviews, Gesprächsrunden, Podien und ähnlichen Veranstaltungen.

Auf jeden Fall wird es ein ruhiges Radio sein. Schreihälse und Erklärbären kommen hier nicht zu Wort. Die einzige Erklärerin wird die soziologische System und Gesellschaftstheorie sein. Und diese Theorie nimmt sich alle Zeit der Welt.

Ich selbst steuere Ausflüge in Wortvergangenheiten bei. Zum Beispiel: „Radio“ stammt aus dem lateinischen radiare, was so viel wie strahlen und ausstrahlen bedeutet. Der Radius eines Kreises hat damit zu tun, die Speichen eines Fahrradreifens, auch die Radioaktivität.

Ich will Worte wie „Radio“ weder verbindlich definieren noch Begriffsgeschichten referieren. Mich faszinieren die Bedeutungsmöglichkeiten, die mit dem Klang eines Wortes durch die Zeiten und Kulturen wandern. Das ist sozusagen ein Hobby von mir. Der schöne Klang des Wortes und die Reichhaltigkeit seines Bedeutungshorizontes haben mir so gefallen, dass Radio zum durchgängigen Moment all meiner Projektideen avancierte und nun im Namen meines Podcasts steht.

Hier kommt gleich eine weitere Kostprobe. Vielleicht ist manchen Hörerinnen und Hörern aufgefallen, dass ich bislang so merkwürdig unverbindlich von wir und uns gesprochen und jede direkte Anrede vermieden habe. Ungefähr ein Jahr lang konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich im Radio Siezen oder Duzen möchte.

Klar war mir schon: Mit der Anrede „Sie“ fielen meine Sendungen so herrlich aus der Zeit, wie sie kulturell nicht tiefer fallen könnten. Nur stamme ich aus einer Generation, die innerlich immer noch zusammenzuckt, wenn sie von Fremden unvermittelt geduzt wird. Im Kontakt mit einem Podcaster, der in Wien lebt, kam spontan die Lösung. Ich werde im „Schweizer Du“ senden. In der Schweiz, zumindest in der Deutschschweiz, geht man oft schon beim zweiten oder dritten Aufeinandertreffen zum Vornamen und zum Du über, ohne dass sich allein dadurch der formale oder informale Charakter der Bekanntschaft gleich ändern müsste. Man kann im „Du“ ebenso grimmig wie freundlich miteinander sein.

Also von daher starten wir einfach frisch und noch einmal mit der Begrüßung: Seid herzlich willkommen im Radio Gesellschaftstheorie, dem Podcast mit Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme.

Passend zum Namen Radio handelt unser Premierenthema von Klang und Sprache. Was heißt es, wenn ausgerechnet die Systemtheorie sagt: Sprache ist gar kein System. Sprache ist vielmehr ein Medium der Kommunikation.

Zwei Vorbemerkungen habe ich noch. Eine zum Geld, eine zweite zu wichtigen Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart des Radios Gesellschaftstheorie.

Let’s talk about money. Ich hatte nicht geahnt, wie teuer Podcasting sein kann, wenn man ein routinetaugliches Setup einrichten und kreative Menschen beschäftigen möchte. Die meisten meiner Podcasts werden frei und kostenlos zu hören sein. Für einen kleinen Monatsbeitrag, kaum höher als ein Kaffee in einer netten Bar, könnt ihr Mitglied bei Radio Gesellschaftstheorie werden. Wer mag, gern auch für einen höheren Sponsorenbeitrag. Schaut nach unter Radio-Gesellschaftstheorie.org oder radiogethe.org. Sollte es jemals mehr Einnahmen als Ausgaben geben, werden Projekte im Netzwerk von Radiogesellschaftstheorie gefördert, in ihren Produktionen, für Netzwerkevents und was immer an Spannendem passieren wird und Geld gebrauchen kann.

Auf jeden Fall würde ich mich über eure Unterstützung freuen, auch als Botschaft weiterzumachen – und mehr zu machen. In der Memberlounge von Radio Gesellschaftstheorie herrscht eine klassenlose Gesellschaft ohne Privilegien für Besserzahlende. Dort soll es etliche weitere Sachen geben; detailliertere Shownotes zum Beispiel, Extrasendungen oder Serien und Dossiers zu Einzelthemen. Man kann Nachfragen stellen, sich Themen wünschen und den Podcaster für eigene Forschungs- und Diskussionsanliegen anfragen. Im Hauptberuf bin ich ein traditionell akademischer Soziologe mit Texten, Vorträgen und gelehrten Diskussions- und Lehrbeiträgen. Vielleicht kommen im Podcast auch Dinge wie Lektüreseminare oder ähnliches zustande.

Wovon ich noch gar nicht weiß, ob es gelingen kann: ich würde in meinem Kanal gern die Mehrsprachigkeit pflegen und damit nicht nur Übersetzungen ins Englische meinen. Das „Cześć“ in der Begrüßung beispielsweise ist das polnische Hallo, vielmehr Polnisch spreche und verstehe ich leider noch nicht. Aber auf dem Weg zur Arbeit höre ich in ein Kulturradio aus Kraków hinein, einfach weil mir der Klang des Polnischen so sehr gefällt. Vielleicht helfen mir Mitglieder dabei, Transkripte oder sogar gesprochene Übersetzungen sinngerechter zu gestalten, als es die künstliche Intelligenz vermag. Aber wie gesagt, was hier möglich ist und was sich wirklich an Mehrsprachigkeit realisieren lässt, das steht von meiner Warte aus noch in den Sternen.

Radio Gesellschaftstheorie widme ich von seiner ersten Stunde an bis zu seinem letzten Hauch meinem verstorbenen Freund Daniel Lee aus Kalifornien. Daniel hat mich gelehrt, wie lebensfroh und unternehmungslustig die soziologische Systemtheorie gestimmt sein kann. Ohne die vielen Stunden in seiner Gartenhütte in DuBois, Pennsylvania, in der wir gemeinsam unser Buch „Observing Society“ entwarfen, hätte es das Radio, das wir gerade hören, nie gegeben. Daniels Söhne Jonas und Max zögerten keine Sekunde, als ich sie fragte, ob sie mitmachen. Die Lee Brothers Productions, im Netz zu finden unter www.leebropro.com produzieren Ton und Bild für die Musikszene von Los Angeles, Hollywood und darüber hinaus. In den Worten von Max gesprochen: die Lee-Brothers sorgen für die tonal variation, für die Klangatmosphäre des Radios Gesellschaftstheorie.

Was die Lee Brothers für den Sound sind, ist Brian Switzer für das Design von Radio Gesellschaftstheorie. Brian ist Typograph und lehrt Grafikdesign an der Konstanzer Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung. Kostproben seiner eigenen Werke finden sich auf envisionplus.com. Seit einiger Zeit untersuchen wir in kleinen Projekten, manchmal auch gemeinsam mit Studierenden, was die Form der Buchstaben mit ihren Zeichnungen und mit ihren Aussparungen für Texte bedeuten können.

Das Logo von Radio Gesellschaftstheorie ist, wie ich finde, ein schönes Beispiel, auf welche Ideen Brian dabei kommt. Erst seither weiß ich, dass der Name meines Podcasts aus genau 25 Buchstaben besteht.

Unsere erste Nachricht aus der Welt sozialer Systeme gilt der Sprache. Genauer gesagt, sie gilt dem Klang der Sprache. Der Einstieg wird steil. Gleich zu Beginn versuchen wir eine theoretische Tiefenbohrung und loten ein wenig aus, was derartige Gedankenverrenkungen denn bringen könnten.

Wer das jetzt hört, wird sofort bemerken: wir befinden uns in einem Nischenradio. Ich weiß nicht, wie groß oder klein die Nische für hörbare Gesellschaftstheorie ist. Ich weiß nur, dass es sie gibt. Wem das, was folgt, nicht behagt, möge bitte nicht grimmig mit dem Radio Gesellschaftstheorie verfahren, möge nicht gleich die Trommeln der Verärgerung rühren. Er oder sie könnte einfach zu anderen Sendungen umschalten. Vielleicht kennt man auch Leute, die die sich nicht nur für die Theorie interessieren, sondern auch das Theoretisieren selbst mögen. Denen könnte man vom Radio erzählen, oder man empfiehlt es Menschen, die man gerne ärgern möchte.

Manche sagen, die Systemtheorie sei besonders schwierig. Das glaube ich nicht. Das Besondere ist ihre Kombination von Präzision und Allgemeinheit und die Geduld, die es braucht, um auf engstem Raum zu denken, wie Peter Fuchs seine Theorieerfahrung ausdrückt. Dieser Übung möchte mein Radio ein wenig Zeit verschaffen.

Simon

Sprache ist an den Hörsinn gebunden, und das erzwingt anders als das Sehen, zeitliche Sequenzierung der Kommunikation, also Herstellung einer Ordnung im nacheinander. Die jeweils anklingenden Unterscheidungen müssen einander im nacheinander Sinn geben. Ihre Rekursionen benötigen Zeit und können sich nicht aus der gleichzeitig gesehenen Welt ergeben, und dies auch dann nicht, wenn man jemanden sprechen sieht. Die Sprache hat mithin eine ganz eigentümliche Form. Als Form mit zwei Seiten besteht sie in der Unterscheidung von Laut und Sinn. Wer diese Unterscheidung nicht handhaben kann, kann nicht sprechen. Dabei besteht ein kondensierter Verweisungszusammenhang der beiden Seiten, sodass der Laut nicht der Sinn ist, aber gleichwohl mit diesem Nichtsein bestimmt, über welchen Sinn jeweils gesprochen wird, sowie umgekehrt der Sinn nicht der laut ist, aber bestimmt, welcher laut jeweils zu wählen ist, wenn über genau diesen Sinn gesprochen werden soll.

Der Sinn dieser Verlautbarung in 142 Worten gibt so manch eine Knacknuss auf. Das liegt nicht etwa an einem übermäßigen Einsatz von Fremdwörtern. Davon finden wir lediglich zwei Stück: Sequenzierung und Rekursion, und beide Begriffe werden in der Aussage selbst erläutert. Es geht um eine zeitliche Ordnung im Nacheinander, womit wir auch schon einen zentralen Punkt des systemtheoretischen Verständnisses von Sprache erwischt haben.

Sprache wird als ein Zeitphänomen begriffen und nicht etwa als ein Ding, das irgendwo herumliegt oder herumsteht oder herumspringt und auf das man im Vorübergehen zeigen könnte, guck, das ist Sprache, und sie hat diese oder jene Eigenschaften. Sprache ist nur in der Zeit wahrnehmbar und ist nur als ein zeitliches Geschehen wahrnehmbar. Jede einzelne ihrer Formen erklingt und verklingt.

(Geräuschkulisse Flughafen, Wartebereich)

Dass man meint, man könne Sprache festhalten und sie Stück für Stück sezieren, ist eine optische Täuschung, die wir der Schrift verdanken, worauf ich später noch einmal kurz zu sprechen kommen werde. Man könnte lange über die soeben zitierte Textstelle sinnieren, um herauszufinden, was ihr Verfasser gemeint haben könnte. In der reinen Schriftwelt würde man zu diesem Zweck das Buch und die Seite aufsuchen. Das Zitat findet sich bei Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, erste Auflage, Frankfurt am Main 1997, Seite 213. Wer nachschaut, würde merken, dass das Zitat im Original noch etwas länger ausfällt.

Das Radio bietet andere Möglichkeiten. Ich versuche auf verschiedene Weise, manche der Sinnverweise, die die Textpassage mitgibt, anzuspielen und auszuspielen, halb erläuternd und halb experimentell.

In Anlehnung an eine mittelalterliche Klosterpraxis könnte man von Glossierungen sprechen. Glossen, das waren Anmerkungen am Rand oder zwischen den Zeilen von Handschriften, mit denen die Mönche einander schwierige lateinische Texte verständlicher machen wollten. Für meinen Geschmack fügt sich, dass das altgriechische Wort glossa nicht nur fremdartiges Wort bedeutete, sondern auch Zunge und Sprache.

Unsere erste Glosse zieht die fünf langen und verschachtelten Sätze zu einem kurzen Merksatz zusammen. Sprache besteht in der Unterscheidung von Laut und Sinn. Wichtig ist, diese Kurzfassung wirklich nur als Gedächtnishilfe und nicht etwa als Definition zu behandeln. Denn der Schlüssel dieses Satzes liegt natürlich im „und“ zwischen den Worten Laut und Sinn. Wenn man dieses „und“ erläutern wollte, was von einer Definition zu verlangen wäre, käme man wieder zurück bis auf die Langfassung des gesamten Zitats und etliche Absätze, in deren Kontext das Original zu finden ist.

Unsere zweite Glosse beginnt mit zwei kleinen Stücken nur zum Hinhören, nicht zum Nachdenken.

(Geräuschkulissen Holzknistern und Bachrauschen)

Wir hörten das Knistern von Holz in einem Kaminfeuer, dann das Rauschen eines Bachs oder eines Flusses. Ich darf doch „Wir hörten Knistern“ und „Wir hörten Rauschen“ sagen?

Oder hat jemand etwas völlig anderes gehört? Knistern und Feuer, Rauschen und Wasser. In beiden Fällen gibt es Laut und Sinn als Komposition des Verschiedenen, als Einheit einer Unterscheidung. Ist das dann ebenfalls. Sprache?

Zunächst müssen wir betonen: So fragt die Systemtheorie eigentlich nicht. Fragen nach dem Sein und Nichtsein von Dingen und Wesen klammert sie normalerweise aus. Die Systemtheorie rüstet sich nicht mit Definitionen aus, um dann durch die Welt zu stiefeln, auf Phänomene zu zeigen und sie zu sortieren nach dem Motto: Dies gehört dazu, das gehört nicht dazu.

Alle Fragen danach, was etwas ist und was es gibt, werden umgeleitet über die Frage: Für welchen Beobachter gewinnt etwas ein Sein? Mit welcher Unterscheidung gibt sich der Beobachter selbst, was er für sein eigenes Dasein braucht? Wenn wir hinhören und ein Knistern oder ein Rauschen hören, ist die Unterscheidung von Laut und Sinn bereits in Betrieb. Wir schlängeln uns ein in ein Geschehen, das es vor unseren Operationen gab, während unseres Hinhörens gibt und auch danach weiterhin geben wird. Die Sprache selbst ist hier der Beobachter, und sie fungiert jetzt und hier in diesem Radio als ein Medium der Kommunikation. Mit Knistern, Rauschen und etlichen anderen Formen macht sich das Medium der Sprache als Medium bemerkbar. Das Medium selbst wird hörbar und es ist die Kommunikation, die uns sogleich auffordert, dem Medium Form zu geben.

Die Kommunikation verlangt nach einem Wort für das zu Hörende. Die Worte „Knistern“ und „Rauschen“ sind bereits die Antworten der Sprache auf die Frage, was auf welche Weise zur Sprache gehört und was nicht. Man hört es den beiden Worten auch an. Sie gehören zu den sogenannten lautmalerischen Worten wie zischen, quaken, klirren und ploppen. Der Sinn solcher Worte lässt sich nie durch die Wortbedeutung allein definieren, lässt sich nicht bannen durch lexikalische Einordnungen.

In der soziokulturellen Evolution hat sich eine Form von Kommunikation, man kann auch sagen eine kommunikative Institution gebildet, die sich im lautlichen Sinnüberschuss der Sprache bewegt, mit ihm spielt und ihn ständig regeneriert und erweitert. Das ist die Poesie, das ist die Dichtung; keineswegs nur in der hohen Literatur, sondern auch in all den kleinen Wortspielen, mit denen wir unseren Alltag hin und wieder aufheitern.

In der Poesie und ihren Institutionen beobachtet die Sprache in ihrem eigenen Medium ihre eigene Medialität. Knistern, Rauschen. Selbstverständlich kann dies nur unter Beteiligung von wahrnehmungsfähigen, also auch hörfähigen Bewusstseinen geschehen; in unserem Fall durch unsere Beteiligung als Sprecher:innen und Hörer:innen. Aber solche Bewusstseins-Partizipationen gibt es immer und überall, wo wir es mit Sinn, Medien und Kommunikation zu tun haben. Die Mitbeschäftigung des Bewusstseins ist keine Besonderheit des Mediums der Sprache. Es mag nur Bewusstseine geben, die sich durch Sprache stärker mitziehen lassen als durch andere Sensationen der Welt, in der wir leben.

Unsere dritte und letzte Glosse gilt einer evolutionären Gegenbewegung zur Kultivierung der Sprache. Sie beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Tendenz, Sinn zu fixieren, völlig unabhängig von jeder konkreten Lautgestalt. Das historisch und sozial wichtigste Mittel der Sinnfixierung und der Minimierung von Laut ist die Schrift.

Man kann z.B. sagen: wenn wir schreiben, wenn wir lesen, dann hören wir ja nichts. Wird Sprache im Schreiben und Lesen nicht zu einem lautlosen Medium? Handelt es sich dann überhaupt noch um Sprache im Sinn der Unterscheidung von Laut und Sinn?

Auch den Fall des lautlosen Schreibens und Lesens wollen wir nicht durch Definitionen und Klassifikationen bearbeiten. Wiederum befragen wir die Kommunikation, die Kommunikationsmedien und die Gesellschaft selbst. Schrift war zu keinen historischen Zeiten ein bloßes Mittel, um Sprache aufzuzeichnen und zu reproduzieren. Die Verschriftlichung von Sprache ist nur eine unter mehreren Funktionen der Schrift. Man denke beispielsweise an die Mathematik, deren Formeln und Gleichungen alles mögliche in Elemente, Relationen und Operationen zerlegen und zu neuen Formen kombinieren. Mit Hilfe der Mathematik machen sich Kognition, Lernen und Wissen so unabhängig vom Rauschen der Welt und vom Lärm der Kommunikation, wie es nur irgendwie geht.

Selbst Lautschriften wie das Alphabet bilden nicht Laute ab. Niemand lernt A sagen durch ein Studium des Buchstabens A. Lautschriften markieren Unterschiede zwischen verschiedenen Lauten, z.B. zwischen den Lauten A und B. Manche Sprachen sind sparsamer als andere und kommen mit weniger als mit 26 markierten Lautdifferenzen aus.

Die Kulturtechnik des stillen, sprachlos anmutenden Lesens ist nicht einmal tausend Jahre alt. Die ersten Menschen, die das beherrschten, wurden bestaunt und akribisch kontrolliert, ob sie den Text wirklich gelesen und verstanden hatten. So wie heutzutage Professorinnen staunen, wenn sie bei der Prüfung feststellen, dass ihre Studierenden tatsächlich gelesen und verstanden haben. Vor der Zeit des stillen Lesens und noch lange Zeit gleichzeitig mit ihm wurde murmelnd gelesen und diktierend geschrieben. Es gab noch eine ars dictaminis, eine Kunst des Diktierens. Manche, die sie beherrschten, konnten nicht einmal selber lesen und schreiben. Mit den Mitteln der heutigen Gehirnforschung wurde festgestellt: wenn wir lesen, dann werden dieselben Gehirnregionen aktiviert, die beim Sprechen und Hören aktiviert werden. Innerlich diktieren und murmeln wir also bis heute mit, wenn wir schreiben und lesen.

Peter Fuchs nennt diesen Vorgang Innervation. Die Tradition hätte hier von der inneren Stimme gesprochen. Innervation, das ist die minimalste Art und Weise, in der sich Bewusstsein an Kommunikation beteiligt, weitgehend unabhängig davon, ob es den Sinn des geschriebenen versteht, und noch unabhängiger davon, ob es den Sinn gutheißt oder ablehnt, der ihm vorgeschrieben wird. Schrift ist das Medium für Dissens, Kritik und Widerspruch schlechthin. Das ist der Preis für die Sinnexplosion, die mit der Schrift auf uns gekommen ist. Man kann nicht wissen, wer welchen Sinn überhaupt zur Kenntnis nimmt und wer welchen Sinnofferten zustimmt oder nicht im Gegenteil sein Leben auf Ablehnung allen tradierten Sinns aufbaut. Hören wir noch einmal kurz in das Zitat von vorhin hinein.

Simon

Sprache ist an den Hörsinn gebunden, und das erzwingt anders als das Sehen zeitliche Sequenzierung der Kommunikation, also Herstellung einer Ordnung im Nacheinander.

Wer spricht hier und wieso könnte das von Bedeutung sein? Niklas Luhmann, aus dessen Buch das Zitat stammt, ist es nicht. Formal gesehen spricht Simon. Simon ist der Stimmenklon eines wirklichen Menschen, der den Gesang von einer echten Stimme übernehmen kann. Den Text von Luhmann habe ich selbst eingesprochen. Technisch gesehen singt Simon meine Vorlesung. Den Umweg über eine musikalische Stimmtechnologie musste ich gehen, weil die einfachen Text-to-Voice Agenten trotz aller technologischen Fortschritte bislang die Sprechpausen und die Betonungen für meine Zwecke immer noch viel zu stereotyp produzieren.

Wegen eines kleinen technischen Fehlers, den ich unkorrigiert ließ, kann man im ersten Satz des Zitats noch den Übergang von meiner eigenen an Simons Stimme hören. Ohnehin musste ich eine zeitlang ausprobieren, welche Stimme in welcher Stimmlage bei Worten wie Hörsinn unser deutsches H einigermaßen klar und deutlich hinbekommt. Denn sämtliche Stimmvorlagen meines Programms stammen von englischsprachigen Sängern, in deren Aufnahmesessions das deutsch ausgesprochene H selten bis gar nicht vorgekommen sein wird. Tatsächlich ist es nicht Simon, sondern Simon, der meine Stimme singt. Etliche Reste der systematischen Lautdifferenz zwischen Deutsch und Englisch sind deutlich hörbar, beispielsweise wenn aus einem „ihm“ ein „him“ wird.

Warum habe ich mir so viel Mühe gegeben mit der Verlautbarung einer Textstelle? Kann die Lautlichkeit eines Zitats einen Unterschied für seine Bedeutung ausmachen? Ich denke, das kann jede und jeder gut für sich selbst ausprobieren: einfach das Zitat nachschlagen und dann mit eigener Stimme oder mit fremden Stimmen diverse Varianten vortragen lassen. Bestimmt könnte man mit der heutigen Technologie auch Luhmanns Stimme klonen und das Luhmann-Zitat vom Luhmann-Klon vorlesen lassen. Wie Luhmann selbst intonieren würde, werden wir dennoch nie erfahren. Hier und heute bleibt nur der Sinn, den wir uns aus seinem Begriff von Sprache selber machen.

Was bringt es, Sprache als ein Medium zu betrachten, das in der Unterscheidung von Laut und Sinn residiert? Zu dieser Frage möchte ich abschließend einige Einschätzungen abgeben. Sie sind eher persönlicher als fachlich-systematischer Art. Eine eigene begriffsgeschichtliche Untersuchung über mehrere Disziplinen hinweg wollte und konnte ich nicht extra für unseren Podcast anfertigen.

Für die klassischen Sprachwissenschaften bringt die Unterscheidung von Laut und Sinn nichts Neues. Für die Linguistik gehört die Unterscheidung zwischen Phonem und Morphem zu den Grundlagen des Fachs. Als Phoneme gelten die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Lautelemente der Sprache. Morpheme hingegen gelten als die bedeutungstragenden Kleinsteinheiten der Sprache, z.B. die Endung „er“, die aus dem Singular Kind den Plural Kinder macht.

Auf dieser Basis hat sich eine Spezialdisziplin der Sprachwissenschaften herausgebildet, die Phonologie, die Lautunterschiede daraufhin untersucht und klassifiziert, ob und wie sie zu Wort und Satzbildungen beitragen oder nicht. Der weit überwiegende Anteil der Sprachwissenschaften und dementsprechend auch der Sprachtheorien beschäftigt sich dank dieser Arbeitsteilung allein mit dem Verhältnis von Sprache und Bedeutung, mit der Unterscheidung von language and meaning, wobei Bedeutung/meaning dann eher im Kontakt mit der Psychologie als mit der Soziologie begriffen, untersucht und theoretisiert wird.

Die intellektuellen Folgen reichen weit bis in die allgemeine Soziologie hinein. Auch sie akzeptiert die Autorität der Sprachwissenschaften, greift aber fast ausschließlich deren handlungstheoretische Zweige auf, also baut auf Theorien und Methoden, die das Sprechen thematisieren und dem Hören eine rein passiv erduldende Funktion zu erkennen. How to do things with words, wie man Dinge mit Worten macht, von John Austin war beispielsweise eine Schrift, die Sprachphilosophie, Sprachwissenschaften und die diskursanalytische Soziologie stark beeinflusste.

Man muss es so hart sagen, der ganze Aufwand, Sprache als ein Verhältnis von Medium und Form, als ein Spiel von Laut und Sinn zu begreifen, bringt allein etwas für die Gesellschaftstheorie der Soziologie. Außerhalb von ihr wird man wohl noch für lange Zeit mit freundlicher Indifferenz rechnen müssen.

Für die Gesellschaftstheorie bietet die Medientheorie der Sprache die Möglichkeit, Sprache und Kommunikation zu unterscheiden und nach der Funktion von Sprache, Sprechen und Hören für die Kommunikation und damit für die Gesellschaft zu fragen. Dieses Vorgehen ist keineswegs ohne historische Vorbilder. Nur sind diese Vorbilder nicht im 20. Jahrhundert, sondern im 19. Jahrhundert zu finden, z.b. bei Johann Gottfried Herder, der den Ursprung der Sprache im Hören auf die Welt vermutete. Von der Kommunikation her gesehen hat Sprache die Funktion, die Aussicht auf Verstehen zu etablieren und zu reproduzieren, und zwar nicht nur für gewohnten Sinn, sondern auch für ungewöhnlichen, z.B. für höchstpersönlichen Sinn.

In den Worten von Niklas Luhmann:

Simon

Mit Hilfe von Sprache kann etwas gesagt werden, was noch nie gesagt worden ist. Elvira ist ein Engel. Anders als bei Gesten und anders als bei einfachem Verhalten oder beim Gebrauch von Dingen versteht man den Satz, auch wenn man ihn noch nie gehört hat.

Psychologisch gewendet: Sprache ermutigt zum Sprechen und zum Zuhören. Dabei meint Aussicht auf Verstehen nicht gleich Garantie für Verstehen und Verständnis. Kommunikation setzt sich sowohl in Verständnis als auch in Missverständnissen fort. Gemessen an faktischen Spracherfahrungen entmutigt Sprache auch in jenen Fällen, in denen allzu extravaganter, allzu anspruchsvoller, allzu individueller Sinn artikuliert wird und auf Ablehnung stößt oder was viel wahrscheinlicher ist, in Nichtverstehen und Missverstehen auf Ignoranz trifft.

Systemtheoretisch gesprochen: Sprache exploriert nicht etwa die Grenzen der Welt, sondern die Grenzen der Kommunikation und damit die Grenzen der Gesellschaft. Für eine systemtheoretische Gesellschaftstheorie ist das Medium der Sprache also alles andere als trivial. Sprache ist keine Nebensächlichkeit, sondern das grenzbildende, also systembildende Medium der Kommunikation schlechthin.

Gleichzeitig bedeutet die Fassung von Sprache als Medium auch, dass es weitere Medien gibt, dass sich sprachliche Kommunikation von anderer Kommunikation unterscheidet und man nicht etwa von sprachlichen Strukturen gleich auf sämtliche Strukturen von Kommunikation, von sozialen Systemen und von der Gesellschaft hochrechnen könnte, wie es beispielsweise manche Diskursethiken versuchen. Da gibt es Medien wie die Verbreitungsmedien, deren Formen sich in technischen Reproduktionsweisen bilden, oder Medien wie die sogenannten Erfolgsmedien Macht, Geld, Wahrheit, Kunst oder Liebe, deren Formen sich in hochspezifischen Motivationskonstellationen bilden. Vorläufige und erst recht langfristige Stabilisierungen von System- und Gesellschaftsgrenzen können sich nicht auf Sprache allein verlassen.

Apropos Wahrheit und Geld: selbst unsere Systembildung hier im Medium des Radios kann sich nicht auf Sprache allein verlassen. Es braucht viel Technik, Zeit und Arbeit, also jede Menge Investition und Motivation. Wer sich vorstellen kann, mehr Gesellschaftstheorie und mehr Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme hören zu wollen, ist eingeladen, sich unter Radio-Gesellschaftstheorie.org oder unter radiogethe.org anzuschauen, was es sonst noch alles gibt, und sich zu überlegen, ob das ganze Unternehmen eine Unterstützung durch Feedback und durch Mitgliedschaft wert ist. Dann könnte für unser Radio etwas von dem wahr werden, was für die Gesellschaft ohnehin gilt:

Es gibt kein letztes Wort.

Lassen wir deshalb am Ende, das ein Anfang sein will, eine schöne Stimme erklingen, die Stimme von Sophie Rois, die in dem Film von Nicolette Krebitz A E I O U in einer feinen Melodie das schnelle Alphabet der Liebe buchstabiert.

Alles fängt mit A an: das Leben, der Schmerz, die Erkenntnis und die Liebe. Und dann gibt es unendlich viele Möglichkeiten, wie es weitergehen kann.

Du hörtest Nachrichten aus der Welt sozialer Systeme, ausgestrahlt vom Radio Gesellschaftstheorie. Wer an der Autopoiesis dieses Senders interessiert ist oder gar einen Beitrag leisten möchte, findet Anregungen dazu unter Radio-Gesellschaftstheorie.org oder unter radiogethe.org.