
Führung ist, soziologisch betrachtet, keine Folge besonderer Persönlichkeitseigenschaften, sondern Folge der Bereitschaften, jemandem zu folgen. Die soziale Funktion dieser Konstellation ist in der Bestimmung relevanter Unbestimmtheiten, Ungewissheiten und Unsicherheiten zu sehen.
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Erweiterte Shownotes
Baecker, Dirk (2011): Wer rechnet schon mit Führung? In Ders.: Organisation und Störung: Aufsätze. Berlin: Suhrkamp, S. 257-268, darin auf S. 268:
- „Die allgemeinste Form der Führung lässt sich danach bestimmen als Wiedereintritt der Unterscheidung zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit auf der Seite der Bestimmtheit.“
Baecker, Dirk (2009): Die Sache mit der Führung. Wien: Picus.
- Ausführliche Auseinandersetzung mit den Ansprüchen an und Möglichkeiten von Führung in Organisationen (und von ihnen ausgehend: über sie hinaus).
Baecker, Dirk (2015): Postheroische Führung. Vom Rechnen mit Komplexität. Wiesbaden: Springer.
- Der Begriff „Rechnen“ ist hier nicht metaphorisch gemeint. Kalkulierend mit unbekannten Grössen umzugehen konstituiert, was Verantwortung ausmacht — wenn es denn sozial anerkennungsfähig gelingt. Auch und gerade für Führung gilt das eiserne Gesetz der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation.
Kühl, Stefan (2017): Laterales Führen. Eine kurze organisationstheoretisch informierte Handreichung. Wiesbaden: Springer.
- Behandelt aus systemtheoretisch-beratender Perspektive die Verständigungsmöglichkeiten eines „Führens-zur-Seite-hin“, also quer zu den hierarchisch-formalen Organisationsstrukturen.
Kieserling, André/Barthel, Christian (2017): Notwendigkeit eines soziologisch informierten Führungsverständnisses für den Höheren Polizeivollzugsdienst. Interview. In: Barthel, Christian/Heidemann, Dirk (Hrsg.): Führung in der Polizei. Bausteine für ein soziologisch informiertes Führungsverständnis. Wiesbaden: Springer, S. 261-267.
- Einer der ganz seltenen Beiträge, die den eigentlich wunden Punkt der Führung in Organisationen treffen: die sogenannte „mittlere“ Führungsebene. Wie um das Auge des Hurikkans finden die verheerendsten Verwirbelungen um die mittlere Führung herum statt, denn sie muss das Paradox der Führung durch Geführt-Werden in die Hierarchie integrieren, in sich verkapseln und dann wieder „nach unten“ und „nach oben“ vermitteln. Wer nach den leidvollen Seiten der Organisationsführung fragt, sollte hier suchen und nicht in den Klageliedern einsamer Spitzenleute.
Pigor & Eichhorn: Heidegger https://www.youtube.com/watch?v=3goPOfcu-JI
- Die beiden Künstler verstehen sich selbst als Kabarettisten im ursprünglichen Sinne dieses Wortes. Im Podcast nenne ich sie „Liedermacher“, was für mich positiv besetzt ist. Ihr „Heidegger“ blieb mir von einem ihrer Live-Auftritte in St. Gallen bis heute im Ohr. Nie habe ich wallende Sprache für Feinsinniges kunstfertiger verlautbart erlebt.
Brosziewski, Achim (1994): Expertenschaft in Führungskritik. Zur Semantik und Struktur einer kasuistischen Praxis. In: Hitzler, Ronald/Honer, Anne/Maeder, Christoph (Hrsg.): Expertenwissen. Die institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit. Opladen: Westdeutscher, S. 104-123.
und
Brosziewski, Achim (2004): Die Öffentlichkeit der Beratung. Zur Prominenz des Unternehmensberaters Roland Berger. In: Hitzler, Ronald/Hornbostel, Stefan/Mohr, Cornelia (Hrsg.): Elitenmacht. Opladen: Leske + Budrich, S. 261-273.
und
Groddeck, Victoria von (2024): Das Ausloten der Manifestierbarkeit der Organisation und das Potential des Latenten: Die historische Veränderung von Steuerungskonzepten in der Managementliteratur. In: Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische Theorie 29, H. 1, S. 129-152.
- Storyline zu diesen drei Beiträgen: „Führungslehre“ für (künftige und aktive) Manager:innen ist ein ständig erneuertes Repertoire von Erfolgsgeschichten. In ihnen liegen die „Geheimnisse“ des Führungserfolgs offen zu Tage, was nicht hindert, sondern stimuliert, sie in immer wieder neuen Geschichten und Begriffen feilzubieten.
Luhmann, Niklas (2016): Der neue Chef. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
- Drei Aufsätze aus den frühen 1960er-Jahren, von Jürgen Kaube zusammengestellt und publiziert. Vor allem dem kürzesten Text, einer Vortragsvorlage von Luhmann, merkt man eine Art ethnographischen Impuls für seine Recherchen und Ausarbeitungen über hierarchische Organisationsstrukturen an. Erstaunlich viele Elemente von Luhmanns späterer Organisationssoziologie sind schon in diesen Frühtexten erkennbar.
Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Entscheidung. Wiesbaden: VS.
- Eine ausführliche Zusammenstellung der zentralen Themen von Luhmanns Organisationssoziologie. Dass sie gleichwohl nur einen kleinen Auszug bilden, zeigen die mittlerweile sechs Bände zu Organisationen, die aus seinem Nachlass herausgegeben wurden. Eine für unser Thema einschlägige Stelle (S. 86):
- „Außerdem muss stärker als bisher beachtet werden, dass Organisationen nicht nur auf die Mitwirkungsmotive der Individuen, sondern auch auf ihr Gedächtnis angewiesen sind. Schon Motive sind ohne Gedächtnis nicht zu denken. Vor allem aber sind die Möglichkeiten, ein organisationseigenes Gedächtnis zu schaffen, recht begrenzt. Sie setzen gut dokumentierbare Sachverhalte voraus. Sehr viele Informationen entstehen jedoch in hochambivalenten, kontextabhängigen Formen und können schlecht „registriert“ werden. Die Mitglieder der Organisation und vor allem das Führungspersonal können hier mit ihrem persönlichem Gedächtnis aushelfen, dessen Auswertung dann freilich subjektiv bleibt und erst durch Kommunikation verfestigt wird. Dabei profitiert die Organisation sowohl vom Vergessen als auch vom Erinnern ihrer Mitglieder, und dies in einer Weise, die schwer objektiviert werden kann. Eine der wichtigsten Aufgaben des „Managements“ dürfte es deshalb sein, ein jeweils persönliches Gedächtnis in ein Organisationsgedächtnis umzuformen, vor allem also: in die Akten zu geben. So entstehen Entscheidungsprämissen, die dann in den weiteren Operationen des Systems verwendet werden und ihnen Richtung geben können.“
Fuchs, Peter (2014): Die Psyche und die harte Welt der Organisation. Gespräche über einen blinden Fleck der Psychotherapie. Berlin: LIT.
- Hervorgegangen aus Transkripten eines Workshops mit Psychotherapeut:innen. Der Autor wollte das Buch ursprünglich „Die Verwaltung der ordentlichen Dinge“ nennen, um den Kontrast zu „Die Verwaltung der vagen Dinge“ (Peter Fuchs 2011, Heidelberg) zu markieren, in der er die gesellschaftliche Funktion von Psychotherapie sieht. Anders als die meisten der zuvor aufgeführten systemtheoretischen Organisationsbeschreibungen fragt Fuchs nach den Funktionen und Folgen der Organisation für deren relevante Umwelt, für die psychische Selbstformatierung im Sozialkontext von Organisationsmitgliedschaft. Dank der abschliessenden Merksätze zu jedem der 20 Kapitel kann man sich einen ersten Eindruck davon im Schnelldurchgang verschaffen. Eine Kostprobe (Merksatz 8):
- „Wir hatten die Organisation bestimmt als die Autopoiesis von Entscheidungen und festgehalten, daß deren Bindungsdruck entsteht durch die Möglichkeit der Organisation, jedes Verhalten als Entscheidung zu beobachten. Genau das erzwingt, daß die beteiligten psychischen Systeme als Entscheider aufgefaßt werden können – auf Teufelkommraus. Ein bißchen seltsam gesagt: Sie müssen über die Möglichkeit einer selbstdomestizierten Selbstreferenz verfügen. Oder noch anders: Sie werden konzipiert als zurechnungsfähig. Deswegen ist jede Einschränkung dieser Kapazität wie geistige oder psychische Behinderung für die meisten Organisationen ein massives Problem. Das heißt auch, daß Freiheit vorausgesetzt werden muß, um sie beschneiden oder passend zuschneiden zu können.“ (S. 56)
Foerster, Heinz von (1994): Über das Konstruieren von Wirklichkeiten. In Ders.: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 25-49, darin der kybernetische Imperativ auf S. 49:
- „Handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“ Vorbereitet von einem ästhetischen Imperativ: „Willst du erkennen, lerne zu handeln.“ (ebd.)
zu Selbstbeherrschung
Baecker, Dirk (2017): Die Klammer. In Ders: Produktkalkül. Berlin: Merve, S. 19–24, Zitat S. 23–24, mit Nachweis zu Xenophon, Oikonomikos: Die Hauswirtschaftslehre. Die sokratischen Schriften, Stuttgart 1956, S. 235-302, hier: S. 302 bzw. Buch XXI:
- „Xenophon gibt ihr [einer Idee, AB] einen klassischen Namen, sophrosyne, Selbstbeherrschung. Selbstbeherrschung ist jene Klammer, die auf der Innenseite den geschickten Umgang mit den Sachfragen der Haushaltsführung ebenso wie mit Knechten, Dienstboten und der eigenen Familie (vor allem: der jungen Ehefrau) und auf der Außenseite das Wissen um eine Zukunft, für die vorzusorgen ist, um eine Gesellschaft, der der eigene Stand würdig vorzuführen ist, und um die eigenen Bedürfnisse, die lieber jetzt als später befriedigt werden möchten, enthält. Selbstbeherrschung, so sagt Xenophon, ist das Geheimnis der Kunst der Herrschaft. Denn mit dem Vorbild einer Auseinandersetzung mit der Sache, die heute leistet, was morgen belohnt wird, sei ein Haushalt zu führen, in dem nur »willige Leute« arbeiten. Bei wem mit diesem Vorbild ein eigener Ehrgeiz geweckt werden könne, müsse nicht tyrannisch beherrscht werden, sondern fügt sich, so kann man wohl ergänzen, ebenso willig wie kundig in die gegebenen Verhältnisse.“
North, Helen (1966): Sophrosyne. Self-knowledge and Self-restraint in Greek Literature. Ithaca, NY: Cornell University Press.
- Geht zurück auf die antike Unterscheidung zwischen Heldentum und Selbstbeherrschung. Der Held ist durch „Hoch-Gestimmtheit“ (Hochmut, Hybris) charakterisiert, nicht durch Selbstbeherrschung. Verlängert in die Gegenwart, muss man ein schwieriges Verhältnis zwischen Heldentum und Führung erwarten, mündend in das Plädoyer für eine „Postheroische Führung“ (Baecker, Dirk 2015: Postheroische Führung. Wiesbaden: Springer).
